Spezifische Angebote

Für verschiedene berufliche Zielgruppen haben wir mit Bündnispartnern spezielle Angebote entwickelt.

Das Lehrerinnen Programm

Schon zu Beginn des Projektes im Jahre 2016 meldeten sich einige Lehrerinnen bei uns. Es wurde schnell deutlich, dass der Weg in die Schule in NRW schwierig werden würde. Wir lernten viel über die Lehrkräfteausbildung in Syrien und in anderen Herkunftsländern, über das dortige Bildungssystem und die Unterrichtsmethoden. 

Das Studium für das Lehramt findet z.B. in Syrien entweder an einem College oder Institut statt oder als vierjähriges Bachelor-Studium an einer Universität, selten auch mit Master-Abschluss. Es wird in der Regel nur ein Fach studiert. Es gibt wenig pädagogische Inhalte, kaum Schulpraktika.

Nach dem Studium erfolgt dann in der Regel eine direkte Zuweisung an eine staatliche Schule, meist ohne eine förmliche Bewerbung. Alternativ oder parallel bewerben sich die Lehrkräfte an Privatschulen. Ähnlich wie in Deutschland gibt es Primarschulen (6 Jahre), mittlere Schulabschlüsse und das Abitur. An staatlichen Schulen orientiert sich der Unterricht eng an den Schulbüchern. Die Klassen sind mit bis zu 50 Kindern sehr groß. Es herrscht Strenge und Autorität. Frontalunterricht ist die Methode der Wahl. Allerdings gibt es zum Teil gute technische Ausstattungen (Computer, Whiteboard…). Ein Schulleben neben dem Unterricht mit Projekten, Veranstaltungen oder gemeinsamen Schulfesten findet praktisch nicht statt. In Privatschulen, die vollständig durch Schulgeld finanziert werden, ist die Welt anders: Klassen mit bis zu 15 Kindern, wechselnde Unterrichtsmethoden mit Gruppenarbeit und Einzelförderung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Lehrkräfte gleichzeitig an einer staatlichen Schule arbeiten und stundenweise parallel an einer Privatschule unterrichten.

In unseren Köpfen entstanden viele Fragezeichen: Wie sollen die Teilnehmerinnen ohne Masterabschluss, ohne zweites Fach, ohne vertiefte Kenntnisse in Methodik/Didaktik, ohne Referendarzeit, mit wenig Erfahrung in Elternarbeit, ohne Erfahrungen mit unserem Verständnis von Schule als Ort des Lernens und des Lebens einen Weg zurück in den Lehrberuf finden? Auf der anderen Seite bringen unsere Teilnehmerinnen jahrelange Erfahrung im Unterrichten mit und können durch ihre Mehrsprachigkeit, ihre Lebenserfahrung und ihr interkulturelles Wissen eine Bereicherung für unsere Schulen sein. Von Seiten der Schulpolitik in NRW war die Vielzahl der Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Migrationserfahrungen und der Lehrkräftemangel weitere Argumente, einen Weg für diese Lehrerinnen in das Schulsystem zu finden.

Gemeinsam mit der Schulbehörde bei der Bezirksregierung Arnsberg, besonders unterstützt durch die Koordinatorin für Gleichstellungsfragen, gefördert durch die Leitung der Schulabteilung und deren Team sowie begleitet durch den Regierungspräsidenten konnte innerhalb von drei Jahren eine Lösung entwickelt und erprobt werden. Zeitgleich hatten sich nämlich auch zwei Stiftungen und zwei Universitäten, die Bertelsmann Stiftung mit der Universität Bielefeld und nachfolgend die Mercator Stiftung mit der Universität Bochum, mit dem Programm „Lehrkräfte Plus“ auf den Weg gemacht, geflüchteten Lehrkräften den Weg in das Schulsystem in NRW zu ermöglichen. Inzwischen wird dieses Modell der BR Arnsberg „Integration für Lehrkräfte mit Fluchthintergrund (ILF)“ als Seiteneinstiegsprogramm „Internationale Lehrkräfte Fördern (ILF)“ in ganz NRW erprobt. 

Die Lösung ist der mögliche Seiteneinstieg in Form eines dreijährigen Qualifizierungsprogramms. Das Programm startet mit einer einjährigen Weiterbildung „Lehrkräfte Plus“. Die ausländischen Lehrkräfte bewerben sich an einer der inzwischen teilnehmenden fünf Universitäten (Universität Bielefeld, Ruhruniversität Bochum, Universität Duisburg-Essen, Universität Köln, Universität Siegen). Voraussetzungen sind jetzt ein Bachelorabschluss im Herkunftsland in einem Unterrichtsfach, das in NRW ein Mangelfach ist, sowie zweijährige Berufserfahrung als Lehrkraft, Deutsch mindestens auf B1-Niveau, Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und eine aussagekräftige Bewerbung. Sie durchlaufen ein anspruchsvolles Auswahlverfahren mit Sprachtest und Interview bereits mit Teilnahme des Ministeriums bzw. der Schulabteilungen der Bezirksregierungen. „Lehrkräfte Plus“ bietet ein Jahr lang eine Qualifizierung in Deutsch mit allgemeinen und schulbezogenen Inhalten, Einführungen in Methodik/Didaktik und ausführliche Schulpraktika. In dieser Phase erhalten die Teilnehmenden keine finanziellen Leistungen aus dem Programm. 

Nach erfolgreichem Abschluss von „Lehrkräfte Plus“ beginnt eine Art Seiteneinstieg in die Schulen, in der Regel in der Sekundarstufe I. Die zuständigen Bezirksregierungen weisen die Lehrkräfte den Schulen zu, an denen sie meistens schon in der Universitätszeit ihr Praktikum absolviert haben. Die Lehrkräfte erhalten einen auf zwei Jahre befristeten Teilzeitvertrag, unterrichten in der Regel, begleitet von Mentor*innen der Schulen, 12 Wochenstunden und nehmen an Seminaren in allgemeiner Methodik/Didaktik sowie Fachdidaktik und an einem Sprachtraining teil. Diese zusätzliche Förderung am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung wird mit weiteren 5 Stunden angerechnet. Nach erfolgreichem Abschluss der Maßnahme erhalten die Lehrkräfte ein Zeugnis und können sich auf Vertretungsstellen oder Stellen bewerben, die in NRW für den Seiteneinstieg geöffnet sind.

In PerMenti haben sechs Lehrerinnen an dem Pilotprojekt teilgenommen, die ersten schließen das Projekt im Sommer 2020 erfolgreich ab und haben gute Möglichkeiten, sich auf unbefristete Stellen im Rahmen des Seiteneinstiegs oder auf Vertretungsstellen zu bewerben.

PerMenti unterstützt die Projektteilnehmerinnen auf den gesamten Weg durch das Programm, informiert sie über das Schulsystem in NRW, vermittelt spezielle Sprach- und Computerkenntnisse für den Schulalltag, begleitet das Bewerbungsverfahren für „Lehrkräfte Plus“ und hält während des gesamten ILF-Programms Kontakt zu den Teilnehmerinnen, den Verantwortlichen Partner*innen in den Bezirksregierungen, den Schulleitungen und den schulischen Mentor*innen.

Sowohl das Schulministerium als auch die Bezirksregierung Arnsberg, vertreten durch die Schulabteilungsdirektorin als auch persönlich durch den Regierungspräsidenten, unterstützen das Programm tatkräftig und freuen sich, dass es in NRW gelungen ist, aus einem Projekt in Zusammenarbeit mit PerMenti und Lehrkräfte Plus ein dauerhaftes systematisches Qualifizierungs- und Integrationsangebot für Lehrkräfte zu machen.

Die Gruppe Planen und Bauen

Mit mehreren Bauingenieurinnen, Architektinnen und einer Raumplanerin wurde eine berufsbezogene Dialoggruppe „Planen und Bauen“ gebildet. Nach Meinung der Teilnehmerinnen reichen die üblichen Qualifizierungsangebote im Bereich Architektur/Bauwesen für Migrantinnen mit einem Bachelor/Master-Abschluss selbst mit Berufserfahrung im Heimatland nicht aus, um tatsächlich gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu bekommen. Insbesondere Fachsprache und Baugesetzgebung stellen große Hürden dar. Praktika werden als wichtige Unterstützung angesehen, sind jedoch oft zu kurz, um Prozesse und Verfahren im Feld zu verstehen und eigenständig arbeiten zu können. Fachspezifische Kurse von Bildungsträgern oder Hochschulen – oft als E-Learning angeboten – werden fast ausschließlich von Deutschen besucht, sodass auf Sprach- oder Verständnisprobleme von Ausländer*innen nicht eingegangen wird.

Die Themen der Treffen werden von Gruppenmitgliedern mit Unterstützung externer Expert*innen vorbereitet. Bisher wurden vor allem Fachbegriffe und Basiskenntnisse für Bauberufe in Deutschland diskutiert. Wichtig ist es für die Frauen, über die Arbeit in den betreffenden Berufen zu sprechen, Erfahrungen auszutauschen, von den Erfahrungen der Praktikantinnen zu hören oder auch die Arbeit und die Aufgaben der Berufe in den Heimatländern und in Deutschland zu vergleichen. Außerdem werden Exkursionen durchgeführt, um einen Eindruck von Planungsprozessen im Strukturwandel des Ruhrgebiets zu vermitteln. 

Diskutiert wird in der Gruppe u.a., ob es möglich ist, ein Weiterbildungsangebot zu entwickeln, das an den konkreten Bedürfnissen ansetzt und vorbereitend oder ergänzend zu Praktika, Qualifizierungsangeboten von Bildungsträgern oder Fachkursen von Kammern etc. durchgeführt werden könnte. 

Die Vorbereitungsgruppe für ein Studium der Sozialen Arbeit